Bert Guenther-Eiff
14.11.07
Warum bin ich Mitglied der SPD geworden?
Bert Guenther – Eiff, 23.04.2006
Bei Ende des zweiten Weltkrieges war ich sechs Jahre alt und erlebte die Befreiung vom Hitlerfaschismus am Rande Berlins, in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands.
Durch Luftangriffe vollständig in Schutt und Asche gelegte Straßenzüge treten in mein Gedächtnis, wenn ich das Kriegsende im Jahre 1945 beschreiben soll. Hinzu kommen schreckliche Bilder verkohlter Leichen in ausgebrannten Panzern, die abseits der Teerstraßen auf freiem Feld stecken geblieben waren. Grenzenloser Hunger war mein Alltag.
Mein Vater war Berufssoldat und fiel in den letzten Kriegstagen in den Straßen Berlins. Jedoch hatte ich das Glück, mit Schulbeginn einen Ziehvater zu genießen. Einen Zahnarzt, eine Persönlichkeit mit großem Engagement für die eigene Überzeugung, weltoffen und vom Charakter her aufgeschlossen gegenüber jedermann und hoch gebildet. Ein überzeugter Kommunist und Humanist. Nach der Vereinigung von KPD und SPD gehörte er bis zu seinem frühen Tode der SED an. Dieser Mann beeinflußte und prägte mein weiteres Fühlen und Denken in Richtung eines humanistischen Menschenbildes.
Einen weiteren nachhaltigen Einfluß auf mich hatte meine Schulbildung und –erziehung, die ich in der Sowjetzone und in der späteren DDR erhielt. Wir Schulkinder wurden zunächst nicht von voll ausgebildeten Lehrern unterrichtet. Diese hatte man damals aus ideologischen Gründen fast alle suspendiert, sondern von jungen Kriegsheimkehrern, die sich noch in der Lehrerausbildung befanden. Wir wurden sehr früh auf die enge Verbindung zwischen dem Nationalsozialismus und dem Monopolkapital aufmerksam gemacht, der das Hitlerregime zur Macht verholfen hatte und das deutsche Volk in den grausamen Vernichtungskrieg führte. Die Besuche der Konzentrationslager Oranienburg bei Berlin und Weimar in Thüringen gehörten zum Pflichtausflug für jeden Schüler. Verstanden hatten wir diesen Unterricht nicht ganz.
Der kalte Krieg zwischen den Systemen war auf Touren gekommen. Ich steckte zwischen den entstandenen Einflüssen von Ost und West.
Da die Sektorengrenzen zwischen Berlin West und Ost bis 1961 noch frei durchgängig waren, hatten wir immer die Möglichkeit, West-Berlin zu besuchen. Wir bekamen recht bald an den West-Berliner Kinokassen stark ermäßigte Eintrittskarten für alle Nachmittags-Veranstaltungen. So ergab es sich von selbst, dass wir Schüler durch den freien Grenzverkehr immer zwei Realitäten zu sehen bekamen, mit allen Widersprüchen und Konflikten, die sich daraus ergaben.
Als Kinder und auch noch als Heranwachsende bemerkten wir nur die Sonnenseite der geteilten Stadt. Wir sahen nur den neuen Wohlstand der Freien Welt. Weshalb im Gegensatz dazu das Leben in der DDR so erbärmlich war, konnten wir uns nicht erklären. Dass die DDR-Wirtschaft hoffnungslos am Boden lag, weil unzerstörte ostdeutsche Maschinen und Anlagen zur Wiedergutmachung der in der Sowjetunion angerichteten Schäden verwandt wurden, war uns von keinem klar genug vermittelt worden. Manche kritische Anmerkung oder Richtigstellung meines Ziehvaters hinsichtlich des von den Nazis hinterlassenen Giftes des Antibolschewismusses (Worte der DDR-Agitatoren) in den westlichen Rundfunksendern AFN oder RIAS- Berlin blieb ohne Erfolg, wurde von uns Kindern überhört.
Später, als ich älter war, entwickelten sich bei solchen Gelegenheiten mit meinem Ziehvater lange politische Debatten über Kapitalismus und Sozialismus.
Wirklich ausschlaggebend für meine spätere bewußtseinsbildende Entwicklung war ein Einzelerlebnis. Es hatte mit einer Republikflucht zu tun und ging damals durch die Medien: Ein unserer Familie gut bekannter Lungenfacharzt und Klinikchef einer bekannten Lungenheilstätte und Kinderklinik war über Westberlin in die Bundesrepublik geflohen. Ein halbes Jahr vor seiner Flucht hatte dieser Arzt fabrikneue chirurgische Instrumente, die mit teuren Devisen von der DDR in der Schweiz gekauft worden waren, bei seinen Besuchen in West-Berlin verkauft. Der materielle Schaden für die DDR-Klinik belief sich auf über fünfhunderttausend Westmark. Das war in der Mitte der fünfziger Jahre eine ungeheure Summe Geld. Von den Patienten, die infolge dieser kriminellen Tat nicht behandelt werden konnten, ganz zu schweigen. Dieser Arzt eröffnete mit dem gestohlene Geld alsbald eine eigene Lungenfacharzt-Praxis im Ruhrgebiet. Zu allem Überfluß bezeichnete dieser Mann seine Tat als einen bewußten Beitrag zur Schädigung des kommunistischen Regimes in der Sowjetzone.
Dieses Ereignis machte damals mein Gerechtigkeitsempfinden nachhaltig mobil und führte mich zur Parteilichkeit. Die Sozialdemokratische Partei, die sich dem humanistischen Menschenbild verpflichtet fühlt und die Ziele Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität in ihrem Grundsatzprogramm herausstellt, gab und gibt mir den Raum, mich für humanistische Ziele einzusetzen.